Gottesanbeterin
Allgemeines:
Die Gottesanbeterin gehört der Ordnung der Mantiden oder Fangschrecken an. Der Name rührt von der Haltung der Vorderbeine her, die in Ruhestellung erhoben und gefaltet getragen werden, was an eine betende Haltung erinnert. Mit weltweit über 2.400 Arten ist die Gottesanbeterin eine äußerst vielfältige Insektengruppe. In Deutschland ist jedoch nur eine Art heimisch, die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa). Diese beeindruckende Jägerin bevorzugt sehr warme Regionen und ist beispielsweise auf sonnenverwöhnten Weinplantagen anzutreffen. Erstmals dokumentiert wurde ihre Präsenz in Deutschland im Schöneberger Südgelände gegen Ende der 90er Jahre, was auf eine allmähliche Ausbreitung ihres Lebensraums hinweist.
Im Jahr 2017 wurde die Gottesanbeterin zum Insekt des Jahres gekürt, was ihr außergewöhnliches Verhalten und ihre Anpassungsfähigkeit würdigt. Ein weiterer Grund war die zunehmende Bedeutung der Klimaerwärmung, die es diesen faszinierenden Insekten ermöglicht, auch in nördlicheren Regionen Fuß zu fassen. In Zukunft könnten daher weitere Arten in Deutschland auftauchen und die lokale Fauna bereichern.
Körperbau:

Wie auf dem oben stehenden Bild zu erkennen ist, gliedert sich der Körper eines Mantids in drei Teile. Den Kopf, den Mittelteil (Thorax) und das Hinterteil (Abdomen). Die Größe variiert sehr stark und hängt sowohl vom Geschlecht als auch der Art ab. Ein ausgewachsenes Weibchen der in Deutschland vorkommenden Art „Mantis Religiosa“ ist im Schnitt 7,5 cm lang. Ein Männchen hingegen nur 5,5 cm.

Der Kopf der Gottesanbeterin hat eine Dreiecksform. Er ist frei beweglich am Mittelteil oder auch Thorax angebracht. Die sehr großen Facettenaugen liegen seitlich. Diese ermöglichen den Tieren eine Panoramaansicht der Umgebung. Gefahren können so schnell erkannt und die besten Verstecke ausfindig gemacht werden. Der Kiefer unterteilt sich in zwei sehr kräftige Mundwerkzeuge (Mandibeln), mit denen die Beute zermalmt wird.
Vom Vorderteil des Kopfes gehen außerdem zwei Antennen aus. Diese dienen bei manchen Arten zur Abschreckung oder Orientierung im Umfeld. Eine besondere Funktion erhalten die Antennen bei der Paarung. Das Männchen stimuliert mit ihnen das Weibchen. Gleichzeitig versucht es auch es zu beruhigen.
Der Mittelteil verbindet Kopf und Abdomen. Die zwei Fangbeine gehen hiervon aus. Sie sind mit spitzen Stacheln versehen. Die Stacheln können als eine Art Widerhaken in das Beutetier gestochen werden. Etwas weiter unten am Thorax beginnen die Flügel des Insekts.
Vier dünne Beine befinden sich an der Unterseite des Thorax. Diese dienen dem Insekt zur Fortbewegung.
Lebensweise:
Die durchschnittliche Lebenserwartung einer Gottesanbeterin liegt bei einem Jahr. Während dieses Zeitraums durchlaufen die Insekten etwa 6-10 Häutungen, bevor sie die adulte, also ausgewachsene, Phase erreichen. In dieser Zeit entwickeln sie ihre charakteristischen Merkmale wie die voll funktionsfähigen Fangarme.
Ein ausgewachsenes Weibchen ist im Regelfall zu schwer für das Fliegen und bewegt sich daher meist am Boden fort. Männliche Tiere sind zwar flugfähig, können jedoch nur kurze Strecken überwinden. Die Flugfähigkeit der Männchen spielt vor allem bei der Partnersuche eine Rolle, da sie aktiv nach Weibchen suchen müssen.
In ihrer Umgebung sind Gottesanbeterinnen wahre Meister der Tarnung. Ihre Körperfärbung und Struktur lassen sie im Gebüsch nahezu unsichtbar werden, was ihnen sowohl Schutz vor Fressfeinden als auch Vorteile bei der Jagd verschafft. Besonders beeindruckend ist die Tarnung bei Arten wie der Geistermantis, deren Erscheinung fast nicht von einem welken Blatt zu unterscheiden ist.
Zusätzlich sind viele Gottesanbeterinnen dämmerungs- oder tagaktiv, was ihnen hilft, tagsüber Insekten zu jagen und sich nachts vor Fressfeinden zu verstecken. Sie bevorzugen offene, sonnige Lebensräume wie Trockenwiesen oder Büsche, wo sie optimale Bedingungen für Jagd und Tarnung vorfinden. Ihre räuberische Lebensweise und ihr strategisches Verhalten machen sie zu faszinierenden Überlebenskünstlern in der Welt der Insekten.

Fressverhalten:
Die Gottesanbeterin ist ein jagendes Tier und gehört zu den faszinierendsten Räubern im Insektenreich. Bekannt ist das Insekt vor allem für das Verhalten des Weibchens, das gelegentlich nach der Paarung das eigene Männchen frisst – ein Phänomen, das als Sexualkannibalismus bezeichnet wird. Doch stimmt dies immer? Tatsächlich frisst ein Weibchen das Männchen nur, wenn es hungrig ist und die Nährstoffe dringend benötigt, um den Energieaufwand der Fortpflanzung auszugleichen. Der Akt des Paarungsfraßes kann zudem die Überlebenschancen des Nachwuchses erhöhen, da das Weibchen durch die zusätzliche Energie mehr Eier produzieren kann. Es ist jedoch keineswegs garantiert, dass das Männchen nach der Paarung gefressen wird.
Der Mantid frisst Beutetiere, die bis zu zwei Drittel seiner eigenen Körpergröße erreichen können. Neben Spinnen, Fliegen und Heuschrecken erbeuten größere Arten der Gottesanbeterin gelegentlich auch kleine Wirbeltiere wie Frösche, Geckos oder sogar Kolibris. Dieser opportunistische Jagdstil zeigt, wie anpassungsfähig die Insekten in ihrer Nahrungswahl sind.
Beim Beutefang verharrt die Gottesanbeterin regungslos in einer lauernden Position. Sie ist eine sogenannte Ansitzjägerin, die auf Gelegenheiten wartet, statt aktiv nach Beute zu suchen. Nur bei großem Hunger verlässt sie diese Strategie und begibt sich auf aktive Jagd. Ihre Fangarme, die sich am vorderen Körperteil befinden, sind mit scharfen Dornen ausgestattet, die ein Entkommen der Beute nahezu unmöglich machen. Sobald die Beute in Reichweite ist, schnellt die Gottesanbeterin blitzartig vor und packt sie mit einer beeindruckenden Präzision.
Nach dem Fang beginnt die Gottesanbeterin sofort mit dem Fressen – oft bei lebendigem Leib der Beute. Dabei spielt der Kopf der Beute meist eine zentrale Rolle, da er als erstes gefressen wird, um Gegenwehr zu verhindern. Neben der Aufnahme von Nahrung deckt die Gottesanbeterin durch das Fressen ihrer Beute auch einen großen Teil ihres Flüssigkeitsbedarfs.
In freier Wildbahn zeigt sich die Gottesanbeterin als äußerst anpassungsfähiger Räuber, der eine entscheidende Rolle im Ökosystem spielt, indem er andere Insektenpopulationen kontrolliert. Ihre Kombination aus Geduld, Präzision und effektiven Fangmethoden macht sie zu einem der effizientesten Jäger im Tierreich.

Fortpflanzung:
BBei der Fortpflanzung der Fangschrecken gibt es je nach Art leichte Variationen. Im Folgenden wird speziell die Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) betrachtet.
Die Fortpflanzungszeit liegt hauptsächlich im Sommer und im frühen Herbst. Das Männchen nähert sich dem Weibchen vorsichtig, da es durch den Sexualkannibalismus gefährdet ist. Bei der Begattung klettert das Männchen auf den Rücken des Weibchens und presst sein Hinterleib an ihres. Der Paarungsakt kann zwischen einer und drei Stunden dauern. Während dieser Zeit bleibt das Männchen besonders wachsam, um nach der Kopulation zu entkommen, da hungrige Weibchen ihn als Nahrungsquelle betrachten können.
Nach der Paarung hängt die Fruchtbarkeit des Weibchens stark von der aufgenommenen Nahrung ab. Ein gut ernährtes Weibchen kann mehrere Ootheken legen und so für eine hohe Nachkommenschaft sorgen. Diese Fortpflanzungsstrategie ist besonders wichtig, um den Erhalt der Art in oft instabilen Umgebungen zu sichern.
Nach der Paarung legt das Weibchen die befruchteten Eier in sogenannten Ootheken ab, einer schnell erhärtenden Schaummasse. Diese Ootheken bieten den Eiern Schutz vor Kälte, Feuchtigkeit und Fressfeinden. Eine einzelne Oothek kann bis zu 300 Eier enthalten, auch wenn die durchschnittliche Zahl bei etwa 100 liegt. Die Eiablage erfolgt meist an geschützten Orten wie Ästen, Steinen oder in hohem Gras, wo die Larven im Frühjahr optimale Bedingungen zum Schlüpfen vorfinden.
Adulte Tiere überleben die Wintermonate nicht. Nach der Begattung oder Eiablage sterben sowohl Männchen als auch Weibchen, wodurch die Art ausschließlich durch die Eier den Winter überdauert.
Die Larven schlüpfen im späten Frühling, wenn die Temperaturen steigen. Sie sehen den ausgewachsenen Tieren schon ähnlich, haben jedoch keine entwickelten Flügel und Fangarme. Während ihres Wachstums durchlaufen sie mehrere Häutungsphasen, in denen sie größer werden und nach und nach die Merkmale der Adultform entwickeln. Rund 14 Tage nach der letzten Häutung sind die jungen Mantiden geschlechtsreif und können selbst zur Fortpflanzung beitragen.
Ein faszinierendes Video, das die Paarung zweier Gottesanbeterinnen zeigt, kann auf dem YouTube-Kanal „Raaderwald„ betrachtet werden. Es bietet einen seltenen Einblick in das Verhalten dieser faszinierenden Tiere während der Fortpflanzung.